Aktuelles zu den 7 Prinzipien
«Kinder müssen geschützt werden»
Sexuelle Übergriffe im Sport vermeiden – das ist das Ziel des Programms von Swiss Olympic. Der Schweizerische Schiesssportverband (SSV) ist einer der wenigen Verbände, der in den Vereinen Kontaktpersonen zur Prävention und Intervention von sexuellen Übergriffen ausbildet. Treibende Kraft im SSV ist Ruth Siegenthaler, Leiterin der Bereiche Ausbildung, Nachwuchsförderung und Richter.
Sexuelle Übergriffe im Sport sind nach wie vor ein Tabuthema. Weshalb braucht es in Vereinen Kontaktpersonen, die sich diesem Thema annehmen?
Kinder müssen geschützt werden und zwar in jeder Sportart. Diese Verantwortung wollen wir, der SSV, wahrnehmen. Prävention ist immer besser als Intervention.
Wie gross ist die Problematik der sexuellen Übergriffe im Schiesssport?
Ich schätze ungefähr gleich gross wie in jeder anderen Sportart. Jedoch wollen wir etwas tun, bevor etwas passiert.
Was sind für Sie die wichtigsten Aufgaben einer Kontaktperson?
Eine Kontaktperson sollte die Problematik von sexuellen Übergriffen an Jugendlichen aufgreifen und im Verein immer wieder neu thematisieren. Aktive Prävention ist sehr wichtig. Ideal ist, wenn sie es schafft, in einem Verein eine Art Beschwerdekultur einzuführen. Sie sollte ausserdem über Zivilcourage verfügen und im Notfall konsequent handeln. Ich denke, es braucht für diese Aufgabe ein gewisses Mass an Lebenserfahrung.
Der SSV hat vor einem Jahr zum ersten Mal Kontaktpersonen ausgebildet. Wie kam es dazu?
Wir sensibilisieren die Teilnehmerinnen und Teilnehmer von Trainerausbildungen im Bereich von sexuellen Übergriffen gegenüber Jugendlichen schon seit 2004. Vor zwei Jahren haben Urs Jenny, ein Polizist, und ich ein Präventions- und Interventionskonzept erarbeitet. Danach haben wir im Verband Präventionsverantwortliche für die verschiedenen Sprachregionen bestimmt, die unter anderem auch die Ausbildungen von Kontaktpersonen koordinieren, planen und steuern.
Wie wurden Sie in Ihrer Arbeit vom Verband unterstützt?
Ich stiess eigentlich nur auf offene Ohren und wurde von allen Beteiligten sehr gut unterstützt. Der Verband unterstützte das Projekt von Anfang an auch in finanzieller Hinsicht. Den Inhalt der Ausbildungskurse haben wir selber zusammengestellt. Wir haben uns mit Informationen von J+S, der Fachstelle für sexuelle Ausbeutung mira und unseren bestehenden Trainerausbildungen eingedeckt und alles unseren eigenen sportartspezifischen Bedürfnissen angepasst.
Wie viele Vereine im SSV haben heute eine Kontaktperson eingesetzt?
Zum heutigen Zeitpunkt haben wir zirka hundert Kontaktpersonen ausgebildet. Selbst nach einem Jahr stehen wir immer noch am Anfang. Kürzlich haben wir die kantonalen Nachwuchs- und Ausbildungschefs zu Kontaktpersonen ausgebildet, damit diese wiederum in ihren Kantonen diese Ausbildung organisieren und durchführen.
Was raten Sie Verbänden, die in dieser Arbeit noch ganz am Anfang stehen?
Viele Wege führen nach Rom, ein Erfolgsrezept habe ich nicht. Ich empfehle aber, das Thema in einem Projekt anzugehen. Zudem benötigt die Thematik auch Zeit, damit sie sich im Verband und in den Vereinen verankern kann. Vielleicht braucht es auch einen gewissen Druck vom Verband.
Wie sieht Ihr persönliches Fazit nach zwei Jahren aus und was wünschen Sie sich für die Zukunft?
Der Aufwand hat sich auf jeden Fall gelohnt. Das Thema polarisiert, was teilweise auch zu Diskussionen geführt hat. Trotzdem sind wir immer drangeblieben. Ich wünsche mir, dass sich alle Sportverbände dazu bekennen und es vor lauter Prävention nie mehr einen sexuellen Übergriff geben wird. Ich weiss, dass es trotz aller Prävention vorkommen kann und dass dieser Wunsch leider nicht realisierbar ist. Aber wenn nur ein paar Fälle verhindert werden können, hat sich die Arbeit gelohnt. Es wäre schön, wenn die Leute mehr Mut aufbringen würden, um über das Thema zu sprechen – auch in anderen Verbänden und Sportarten.
«Die Kontaktperson im Verein»
«Keine sexuellen Übergriffe im Sport», das Präventionsprogramm von Swiss Olympic, empfiehlt zur Prävention vor sexuellen Übergriffen im Verein acht Massnahmen. Eine davon ist die Bestimmung einer Kontaktperson, an die sich Betroffene wenden können. Die neue Broschüre «Die Kontaktperson im Verein» soll Kontaktpersonen in den Vereinen in ihrer Funktion anleiten und unterstützen. Weitere Informationen zum Thema finden Sie im «Ratgeber gegen sexuelle Übergriffe und Ausbeutung im Sport» von Swiss Olympic oder im Internet auf spiritofsport.ch und www.schau-hin.ch.