Aktuelles zu den 7 Prinzipien
«Die beste Prävention ist die Aufklärung der Kinder und Jugendlichen»
Ignacio Packer ist Mitglied der Geschäftsleitung von Terre des hommes und Leiter der Programmabteilung. An der Tagung zur Prävention von sexuellem Missbrauch in Schulen und anderen Kinder- und Jugendeinrichtungen am 6. Juni 2008 in Olten machte er sich für die Entwicklung von Standards in der Präventionsarbeit stark. Die Tagung wurde vom «Schweizerischen Bündnis zur Prävention sexueller Gewalt an Kindern und Jugendlichen» organisiert, dem auch Swiss Olympic angehört. Im Interview erklärt Packer, warum Standards mithelfen, sexuelle Übergriffe an Kindern zu verhindern, lobt die Präventionsarbeit von Swiss Olympic und betont die Wichtigkeit einer Ansprechperson in jedem Verein.
Warum braucht es Standards, um sexuelle Übergriffe an Kindern zu verhindern?
Ein standardbasierter Ansatz ist eine praktische Hilfestellung, wenn es um Fragen der Prävention geht. Die Entwicklung von Methoden für die Sicherheit von Kindern ist Grundvoraussetzung für ethische Aktivitäten und für unser Bemühen, dass Kinder in Sicherheit leben können. Kein Standard kann Kindern einen hundertprozentigen Schutz bieten, aber mit der Einhaltung dieser Standards wird das Risiko einer Misshandlung und der Ausbeutung von Kindern minimiert. Ausserdem kann dadurch der Schutz des Personals und anderer Vertreter sichergestellt werden. Mit der Anwendung dieser Standards wissen alle Vertreter genau, wie sie sich gegenüber Kindern verhalten sollen und was sie tun müssen, wenn sie Bedenken wegen der Sicherheit eines Kindes haben. Dieser Aspekt der verantwortungsvollen Leitung ist auch wichtig für die Wahrung des guten Rufs und der Glaubwürdigkeit der einzelnen Organisationen und des Sektors generell.
Was ist zu beachten, damit Standards nicht bloss auf dem Papier stehen, sondern auch wirklich umgesetzt werden?
Natürlich ist die Ausarbeitung klarer Standards ein grundlegender Schritt, aber diesem müssen Massnahmen folgen. Diejenigen, die mit Kindern arbeiten und sich um sie kümmern, spielen natürlich eine wichtige Rolle in diesem Prozess und müssen sich in ihrer täglichen Arbeit mit den Schwierigkeiten bei der Anwendung der in den Standards enthaltenen Grundsätze und Ideen auseinandersetzen. Das von der «Keeping Children Safe Coalition» ausgearbeitete Dokument «Sicherheit für Kinder/Assurer la Sécurité des Enfants/Keep Children Safe» beschreibt die erforderlichen Standards sowie die Mittel zur Erreichung der Ziele. Es stellt ein wichtiges Fundament dar, auf dessen Grundlage sich effiziente Massnahmen entwickeln lassen, um auf Gewalt zu reagieren und diese zu verhindern, angefangen bei Sensibilisierungsstrategien bis hin zu Schutzmassnahmen. Das Dokument ist ein hervorragender Ausgangspunkt, um die Qualität und Professionalität der Personen, die mit Kindern arbeiten, zu verbessern. Dazu gehören unter anderem nützliche Mittel, um die Leistung anhand dieser Standards zu bewerten und zu kontrollieren. Das Dokument ist in deutscher, französischer und englischer Sprache auf den Internetseiten www.tdh.ch und www.keepchildrensafe.org abrufbar.
Glauben Sie, dass der Sport spezielle Standards braucht? Sind die acht Massnahmen von Swiss Olympic für Sportvereine eine gute Alternative zu Ihren Standards?
Die Standards, von denen ich in meinem Vortrag am 6. Juni 2008 in Olten gesprochen habe, beschreiben Massnahmen, die von Organisationen ergriffen werden können, die sich für die Sicherheit von Kindern einsetzen. Auch wenn es sektorspezifische Unterschiede bei den Praktiken und Gegebenheiten gibt (Sport, Kunst, Soziales…), müssen die Grundsätze, die diesen Standards zugrunde liegen, immer beachtet werden. Auch dürfen die Standards nicht so abgeändert werden, dass der Schutz der Kinder nicht gewährleistet ist. Die Risikosteuerung richtet sich nach der Art der Aktivität. Die Risikoanalyse wird anders sein, wenn es sich um eine Organisation handelt, die Feriencamps organisiert, oder aber um einen Sportverein, in dessen Räumlichkeiten regelmässig Trainings stattfinden. Die Risikosteuerung durch die Institution und davon abgeleitet die Politiken, die Verfahren und die Massnahmen zum Schutz der Kinder, die sich nach den Bezugsstandards richten, können von Organisation zu Organisation verschieden sein. Organisationen wie Swiss Olympic und Terre des hommes haben sich dem Schutz der Kinder verschrieben und führen wirksame Politiken, Verfahren und Massnahmen ein. Der Dialog zwischen solchen Partnern ermöglicht gegenseitiges Lernen und eine kontinuierliche Verbesserung bei der Umsetzung von Best Practices. Die acht Massnahmen von Swiss Olympic stellen eine solide Basis dar, die mit dem Entwicklungsprozess in engem Zusammenhang steht. Wie bei jeder anderen Organisation gehören die Umsetzung der Massnahmen und deren Steuerung zu den grössten Herausforderungen. Die Vorgehensweise von Swiss Olympic zeigt das Engagement des Sportdachverbands für die Sicherheit von Kindern. Swiss Olympic sagt ganz klar, dass Kinder geschützt werden müssen, und trägt zur Schaffung eines sicheren und positiven Umfelds für Kinder bei. Man sieht, dass die Organisation ihre Beschützeraufgabe ernst nimmt. Die gesamte Bewegung muss in diese Richtung gehen.
Im Sport ist oft eine grosse körperliche Nähe notwendig. Braucht es aus diesem Grund Ihrer Meinung nach spezielle sportspezifische Anordnungen?
Es ist klar, dass körperliche Nähe, die für Bewegungskorrekturen oder die Sicherheit des Sportlers (beispielsweise um einen Sturz zu verhindern) wichtig ist, bei bestimmten sportlichen Disziplinen unumgänglich ist. Dies muss jedoch in einem professionellen Rahmen und in einer Kultur der Offenheit geschehen, und zum Schutz der Kinder und des Trainers in Anwesenheit weiterer Personen (wenn möglich eines Erwachsenen). In bestimmten Momenten nicht alleine zu sein, ist auch ein Schutz für das Personal vor Verleumdung durch Kinder und Jugendliche, die den Personalangehörigen mit falschen Anschuldigungen schaden können. Bei der präventiven Aufklärung von Kindern und Jugendlichen, die sich an den Aktivitäten beteiligen, bezüglich potenzieller Risiken (durch andere Jugendliche oder Erwachsene) in einer Sprache, die an ihr Alter und ihre Reife angepasst ist, muss die räumliche Nähe im professionellen Rahmen thematisiert wird. Eine besondere Sensibilisierung nicht nur für die Risiken, sondern auch für die rechtlichen Folgen von Handlungen, bei denen die Privatsphäre von Kindern und Jugendlichen verletzt wird, ist ebenfalls für Erwachsene durchzuführen. Es geht dabei um allgemeine Prävention:
Gewaltprävention, darunter das Risiko eines Missbrauchs oder von sexueller Belästigung. Wir dürfen es jedoch nicht übertreiben – weder bei den Minderjährigen noch beim Personal – und auf keinen Fall in zwei Extreme verfallen: den Kopf in den Sand stecken oder paranoid werden. Mit einer guten Prävention und einer guten Aufklärung lassen sich diese beiden Extreme vermeiden, die Ursache aller Fehler bei der Krisenbewältigung sind.
Swiss Olympic plädiert dafür, dass in jedem Verein eine Kontaktperson für die Thematik sexuelle Übergriffe bestimmt wird. Wie beurteilen Sie diese Massnahme: übertrieben oder notwendig?
Auf jeden Fall notwendig. Die betreffende Person muss unterstützt werden – nicht nur bei der Ausbildung, sondern auch bei der Erfüllung ihrer Aufgaben. Neben der Festlegung der Kontaktperson geht es auch um die Organisation der präventiven Aufklärung von Kindern und Jugendlichen über potenzielle Risiken. Es ist jedoch nicht klar, ob diese Person jemand ist, an die man sich wenden kann oder muss, um eine interne institutionelle Meldung zu machen (was bereits ein offizieller Schritt wäre). Oder ist es eine Person, der man seine Zweifel vertraulich mitteilen kann, ebenso wie Verdachtsmomente, unangenehme Situationen und so weiter, ohne dass dadurch zwangsläufig ein internes Verfahren eingeleitet wird? Das ist eine wichtige Frage, denn die Institution muss dafür sorgen, dass sich kein Personalangehöriger allein gelassen fühlt, wenn es um eine potenzielle Schuld geht (zum Beispiel: « Wenn ich eine Meldung mache, werde ich Probleme haben, und wenn ich keine Meldung mache, bin ich vielleicht mitschuldig.»). Die Unternehmenskultur, die präventiv geschaffen werden muss, setzt voraus, dass alle Beschäftigten wissen, mit wem sie sprechen können; sei es, um Zweifel zu äussern oder um eine interne offizielle Meldung zu machen.
Sollte ein Trainer, der wegen eines sexuellen Übergriffs verurteilt worden ist, je wieder im Sport arbeiten dürfen?
Es gibt zwei mögliche Entscheidungsebenen. Vom Gericht ausgesprochenes Berufsverbot: In diesem Fall spricht das Gericht bei der Verurteilung eine Art Berufsverbot aus, so dass der Verurteilte keine Tätigkeit mehr ausüben darf – auch keine ehrenamtliche –, bei der es zu direktem Kontakt mit Kindern und Jugendlichen kommt. Wenn ein neuer Arbeitgeber diese Person einstellt, befindet er sich im Widerspruch zum Gesetz, weil er einen Trainer einstellt, obwohl er die genauen Umstände der Verurteilung kennt. Der neue Arbeitgeber kann strafrechtlich verfolgt werden, wenn der eingestellte Trainer dasselbe Verbrechen an Kindern und Jugendlichen, die seiner Verantwortung unterstehen, erneut begeht. Berufsverbot aufgrund eines berufsethischen Standards: In diesem Fall spricht das Gericht bei der Verurteilung kein Berufsverbot aus. Vielmehr kann ein Berufsverband dann einen berufsethischen Standard aufstellen hinsichtlich der Ausübung eines Berufs, wonach eine wegen Missbrauch von Kindern und Jugendlichen verurteilte Person nicht eingestellt werden darf. Eine solche standesethische Vorschrift, wonach eine wegen Missbrauch von Kindern und Jugendlichen verurteilte Person nicht eingestellt werden darf, ist sehr wichtig, um Fälle wie 2004 in Biel zu verhindern. Ein Lehrer wurde, obwohl er vier Mal wegen sexuellen Missbrauchs an Kindern und Jugendlichen verurteilt wurde, von der Schulkommission eingestellt, unter dem Vorwand, die Justiz hätte ihm keine Tätigkeit mit Kindern und Jugendlichen verboten.
Gibt es Erfahrungen oder Empfehlungen aus Ihrer Arbeit bei Terre des hommes, die Sie dem Sport weitergeben können?
Ich möchte drei Regeln aus der Arbeit bei Terre des hommes nennen:
- Man kann keiner Institution einen Vorwurf machen, wenn ein Problem auftritt, da es kein Nullrisiko gibt.
Aber man kann einer Institution vorwerfen, dass sie sich nicht darauf vorbereitet hat.
- Die beste Prävention ist die Aufklärung von Kindern und Jugendlichen, sofern sie gut gemacht ist.
- Bei Problemen darf niemand – auch nicht der Direktor oder der Präsident – auf sich alleine gestellt sein und die emotionale, rechtliche und mediale Last von Entscheidungen, die vor den Kindern und Jugendlichen, vor dem Personal, vor den Eltern, vor den Vorgesetzten, vor der Justiz und vor den Medien erklärt werden müssen, alleine tragen.