Kolumne von Andreas Neeser

Falsche Bescheidenheit

Lauras Welt hängt bei uns zu Hause am Kühlschrank. Die ganze Front ist beklebt mit Ausrissen aus Zeitungen und Zeitschriften. Politik, Kultur, Gesellschaft, Sport. Jeder dieser Texte ist versehen mit einem neongelben Post-it-Zettel, auf dem sie sinnige, spöttischen, philosophische oder einfach nur witzige Kommentare notiert.
Beim gemeinsamen Sonntagsfrühstück lässt sie mich jeweils daran teilhaben. Das Ritual ist immer dasselbe: Sie besteht darauf, das Frühstück kurz zu halten, ein Glas Orangensaft, ein gekochtes Ei, eine Scheibe Vollkornbrot mit Käse. Gesprochen wird dabei nicht, das ist Gesetz – und unverzichtbarer Bestandteil von Lauras Dramaturgie. In der Stille Spannung aufbauen, sagt sie. Einen Echoraum schaffen für die konzise Stellungnahme zu einem bewegenden Thema oder zu einer scheinbar belanglosen Notiz am Rand des Weltgeschehens, das semantische Feld abstecken und bereinigen für das ganz persönliches Wort zum Sonntag.
Dann loslegen, sagt sie, und sie legt los, reisst den Artikel vom Kühlschrank, stellt sich vor mich hin und liest vor. Manchmal vibriert etwas in ihrer Stimme, manchmal geraten einige Silben zu hell oder zu laut, manchmal ist ihr keinerlei Gefühlsregung anzumerken. Ein Fussballspieler sagt dem Reporter nach der Partie, in der er nach feinen Einzelleistungen drei Tore erzielt und insgesamt eine überragende Leistung abgeliefert hat, es sei ein Sieg des Teams gewesen, die Mitspieler hätten es ihm leicht gemacht Tore zu erzielen, er habe nicht gewonnen, wie gesagt, sondern das Team, heute habe das Team gewonnen, er habe nur seinen Job gemacht, dazu sei er ja da, den Job machen und den Fans etwas zurückgeben, und das sei nur möglich in so einem tollen Team, und der Trainer lasse einen eben sein Vertrauen spüren, das müsse man auch zurückzahlen, das sei doch normal, aber man müsse jetzt auf dem Boden bleiben, den Ball flach halten und hart weitertrainieren, denn, wie gesagt, nach dem Spiel sei vor dem Spiel und der nächste Gegner immer der stärkste.
Nach der Lektüre legt sie eine effektvolle Kunstpause ein, während der sie halb gedankenverloren, halb herausfordernd auf ihren Latte Macchiato starrt. Der Zeitungsartikel liegt auf dem Tisch. Das Foto zeigt den Spieler in Jubelpose. Er steht in der Spielfeldecke, den Mund zu einem animalischen Schrei aufgerissen, die Eckfahne lasziv zwischen die Beine geklemmt, die beiden Daumen zeigen auf seine entblösste, stark behaarte Brust.
Laura reisst den Post-it-Zettel vom Kühlschrank. Sie schaut mich an, wartet. Am Sonntagmorgen liebe ich Laura am innigsten. Sie hätte Schauspielerin werden sollen, sie hat dramatisches Talent und ein Flair für den grossen Auftritt, performatives Talent. Bevor ich in Versuchung komme zu schmunzeln, sagt sie: Falsche Bescheidenheit ist auch eine Form von Falschheit.
Und leckt das Milchschaumhäubchen vom Kaffee.

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