Kolumne von Andreas Neeser
Die Hand Gottes
Wie viele Hände hat Gott? – Genau lässt es sich wohl nicht sagen, aber es müssen viele sein – und glaubt man der Berichterstattung in den Medien, wachsen ihm in regelmässigen Abständen neue nach. Alle wachsen sie aus der einen, der Ur-Hand Gottes, gewissermassen, die im Fussballsport längst Synonym ist für Tore, die mit der Hand und also regelwidrig erzielt werden.
Wann immer in der Fussballberichterstattung auf die Hand Gottes verwiesen wird, geschieht dies mit zugleich spöttischem und verachtendem Unterton. Der Spott bezieht sich dabei auf die gespielte Ahnungslosigkeit der Torschützen, welche die Regelverletzung in der Hitze des Gefechts nicht bemerkt haben wollen, beteuern, die Hand habe sich nicht aktiv und vorsätzlich zum Ball bewegt, oder sogar behaupten, ihre Hand hätte den Ball nicht einmal berührt. Die Verachtung leitet sich aus dem Spott ab und schlägt immer in Empörung und Wut um, weil vorsätzlich irregulär erzielte Tore als Ausdruck gröbster Unsportlichkeit betrachtet werden und den Torschützen als unmoralisch und charakterlos stempeln. Wer also die Hand Gottes (miss-)braucht, um zum Torerfolg zu gelangen, muss mit dem Stigma des Frevlers leben.
Ist es aber nicht seltsam, dass die Hand Gottes zum Skandalon wird, wann immer sie zum Einsatz kommt, wohingegen alle anderen auf unfaire Weise erzielten Tore die Gemüter von Beteiligten, Fans und Journalisten in weit geringerem Mass erregen? Der unverhoffte Einbruch des Schicksals auf den Fussballplatz, das überraschende Eingreifen des Deus ex machina wird offenbar nicht mit einer ganzheitlichen Gestalt, sondern lediglich mit einem einzigen Körperteil assoziiert, gleichsam als Pars pro toto. Kein Stürmer spricht vom Bein Gottes, wenn sein Tor dank einer nicht geahndeten Blutgrätsche zustande kommt. Kein Schiedsrichter, der für seine Fehlentscheide Geld bekommt, erwähnt das Auge Gottes.
Gott ist also die Hand. Eine unsinnige Vorstellung, selbst dann, wenn man sich Gott als vielhändig denkt. Eine Vorstellung zudem, welche die Tatsache ausser Acht lässt, dass die Hand Gottes, weil sie eben die Hand Gottes ist, auf vielfältigste Art und Weise zum Einsatz gebracht werden kann. – Wie kommt etwa die gebrauchte Spritze ins Hotelzimmer des Radfahrers? Wer hat die Zahnpasta des Leichtathleten mit unerlaubten Substanzen angereichert? Wer hat unrechtmässig am Getriebe des Formel-1-Boliden geschraubt? Wer hat den Urin der sauberen Schwimmerin mit dem einer Doperin vertauscht? Wie kommt das Kokain in den Milch-Shake der Tennisspielerin?
Höchste Zeit, dass die Sportwelt ihr Gottesbild gründlich überdenkt.