Kolumne von Andreas Neeser
Das Underdog-Prinzip
Dass der Underdog in Auseinandersetzungen längst nicht immer unterliegt und mit eingezogenem Schwanz vom (Kampf-)Platz trottet, weiss jeder Hundehalter. Und was ein richtiges Naturgesetz ist, kann der Mensch nicht ändern. Will er auch nicht, wenigstens nicht in diesem Fall. Denn der Mensch liebt grundsätzlich das Abenteuer, die Spannung – und die Überraschung. Das hält die Hormone in Schuss, gibt uns den viel zitierten «Kick» und damit das Gefühl von Lebendigkeit. Vor allem aber: das Underdog-Prinzip reguliert unsere Vorlieben, verteilt die Sympathien – immer einseitig, immer parteiisch, aber immer mit der Hoffnung auf ein Wunder. Das Happy end, die Aussicht auf den Sieg des Kleinen über den Grossen legitimiert unsere Parteinahme. Das Underdog-Prinzip gibt uns das moralische Recht, unfair zu sein. Denn der Kleine ist immer der Gute. Auch dann, wenn er es in Wahrheit nicht ist.
Was im richtigen Leben durchaus zu Komplikationen führen kann, lässt sich in der Welt des Sports ebenso gefahrlos wie genussvoll ausleben: Vor dem Fernseher, im Stadion, an der Rennstrecke – wir dürfen hemmungslos ungerecht sein, ohne uns schuldig fühlen zu müssen, wünschen, dass der überlegene Gegner strauchelt, hoffen, dass der Underdog den richtigen Moment für den finalen Biss erwischt. Ich stehe dazu.
Wenn etwa dieser lebende Fleischberg aus St. Petersburg im Ring steht, zwei Meter dreizehn hoch, hundertfünfzig Kilogramm schwer, und ungerührt auf den kleinen Dicken eindrischt, der gnomenhaft vor ihm herumtänzelt, in zunehmender Ratlosigkeit vor- und zurückspringt und den russischen Pelz aus der hochgezogenen Deckung heraus mit harmlosen Jabs kitzelt, dann schlägt das Underdog-Prinzip bei mir voll durch. Ich wünsche dem Terrier den Mut, die Hartnäckigkeit und den unbedingten Willen, die übermächtige Dogge trickreich anzuspringen, sie mit variablen Attacken zu zermürben, vor sich herzutreiben – um im einen glücklichen Augenblick gnadenlos zuzubeissen. Wenn der Koloss in sich zusammensackt, auf die Bretter kracht und nicht mehr hochkommt, dann weiss ich, solange es noch solche Gerechtigkeit gibt, kann die Welt nicht verloren sein – und ich hole mir eine Erfrischung aus dem Kühlschrank.
Oder Laura. Ihr geht es ja nicht anders. Zum Beispiel im Fussball, da kennt sie gar nichts! Wer auch immer gegeneinander spielt, Laura ist immer für die Mannschaft mit dem kleineren Vereinsbudget und hofft, dass die Armen die Reichen mal so richtig abzocken. Wenigstens auf dem Rasen. Sie springt vom Fernsehsessel auf, wenn ein Schuss des übermächtigen Gegners am Tor vorbeistreicht, wenn einer der Stars sich beim Dribbling verheddert. Und kaum hat einer der Underdogs sich kurz vor dem Abpfiff den Ball geschnappt und ins Tor bugsiert, stellt sie sich in Jubelpose vor den Bildschirm und geniesst hemmungslos den Sieg von Niedertracht, Missgunst und Neid. Die Hündchen auf dem Feld springen derweil im Rudel aneinander hoch, lecken sich gegenseitig ab, herzen und kraulen sich. Ich schaue auf Lauras offenes, langes Haar, ihre schmale Taille, die sportlichen Schenkel – und hoffe auf ein Nachspiel.