Kolumne von Andreas Neeser

Hilfsmittel


neeserSeit letztem Donnerstag biken wir also wieder solo. Turi in seinem Wald, ich in meinem. Per sms hat er mich wissen lassen, dass er an gemeinsamen Ausfahrten nicht mehr interessiert sei. Er habe mich eigentlich immer als fairen Sportsmann eingeschätzt, aber so könne man sich eben täuschen. «So habe ich keinen Bock mehr. Gruss. T.» – Was habe ich getan? Wie immer vor dem Start eine Ovo getrunken, zwischen den beiden langen Anstiegen eine reife Banane gegessen, viel getrunken, Hahnenwasser. Keine Ahnung, was daran unfair sein soll. Ich hatte einfach extrem gute Beine, Turi hatte von Anfang an Mühe, mein Hinterrad zu halten, auf dem steilen, technisch anspruchsvollen Waldweg hinauf zur Fluh, musste er abreissen lassen. Und kaum war ich wieder zu Hause, kam die Kurzmitteilung. Schlechter Verlierer. Turi könnte sich ja auch ein neues Bike anschaffen. Ich habe ihm sogar gesagt, das mache locker 5 Kilo aus, Carbon, all das ultraleichte Zeug. «Extrem, was das ausmacht, Turi, huere geil, so ein Teil, das ist wie fliegen», habe ich gesagt. – Und dann kommt er an und behauptet, ich verschaffe mir mit dem neuen Bike («Hilfsmittel», sagt Turi!) einen wettbewerbsverzerrenden Vorteil. So habe ich keinen Bock mehr. Gruss T.. – Was soll man dazu sagen? – Mein neues Bike ein Hilfsmittel, und erst noch unfair eingesetzt. Habe ich mich je beklagt über seine langen Beine und die optimalen Hebelwirkungen? Habe ich je behauptet, es sei unfair, 10 Kilo leichter zu sein als ich? Oder drei Jahre jünger? – Grotesk!
Fast so grotesk wie die Diskussion um die Prothesen des beidseitig unterschenkelamputierten Sprinters aus Südafrika. Turi – überleg mal! Mit demselben Argument hat ihm der Internationale Leichtathletikverband die Teilnahme an den Olympischen Spielen verboten. Die beiden Hightech-Karbon-Stelzen verschafften ihm einen Wettbewerbsvorteil gegenüber den Nicht-Amputierten! – Zwar hat der Internationale Sportgerichtshof das Urteil der IAAF später aufgehoben, doch die Beklemmung bleibt: Ein Athlet ohne Füsse soll gegenüber körperlich intakten Athleten im Vorteil sein? Rennt es sich auf keinen Beinen schneller als auf zweien, weil auf jeden der beiden Stümpfe eine technologisch raffinierte Prothese aufgesteckt wird? – Hilfsmittel! – Tröste dich, Turi, da reden noch ganz andere vom Prinzip der Chancengleichheit – und haben es mindestens ebenso wenig verstanden wie du! Deshalb mein Vorschlag zur Güte: Lass uns nächste Woche wandern gehen, du hast doch diese neuen Schuhe, sagst du. Intelligentes Fussbett, Stretchfutter, Aircondition, Speedwire-Schnürung, Memory-Schaum-System und so. Über Stock und Stein fliegen, Turi, sagst du doch. Also wie wärs? Und du würdest im Bergrestaurant schon mal ein Bier für mich bestellen...



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