Kolumne von Andreas Neeser

Peking-Ente


neeserLaura sagt, es liegt daran, dass ich ein Mann bin. Das sagt sie immer, wenn sie wütend ist. Männer gäben sich immer so aufmerksam, nickten verständig mit dem Kopf, dabei hörten sie nie zu. Hier rein – und da wieder raus. Sagt Laura. Natürlich hat sie nicht recht. Sie hat nie recht, wenn sie wütend ist.

«Ist doch alles gechint.» – Ja, ich gebe zu, ich habe das Wort überhört. Irgendwie. Vermute ich. Gechint. Ich war einfach nicht wach genug für Laura. Manchmal sprüht ihr Wortwitz haarscharf an mir vorbei. Getürkt hätte ich verstanden, auf Anhieb, obwohl ich bei etwas Gefälschtem nie an die Türkei denke. Gechint habe ich nicht begriffen – und hätte es mit China in Verbindung bringen sollen. Und dann noch mit Olympia. Laura! Wenn du wütend bist, verlangst du einfach zu viel.
Das war vor zwei Wochen, wir vertragen uns wieder. Inzwischen finde ich den Ausdruck sogar richtig lustig. Wenn wir durch die Gassen spazieren und einer im weissen Dolce&Gabbana-Shirt auf uns zukommt, zischt Laura: «Schau mal, der Typ da. Bestimmt gechint.» Getschäint, sagt sie. Und verschluckt ein lautes Lachen. Gefälschte Markenartikel, der ganze getürkte Ramsch made in China – Rolex, Louis Vuitton, Prada, Nike, Replay –, das ist natürlich nicht neu. Alle Flohmärkte sind voll davon, ein Milliardengeschäft. Dass aber auch Olympia nur eine fiese Gaukelei ist, Fake auf asiatisch, eine Illusion mit doppeltem Boden – das hat Laura auf die Palme gebracht. Ausgerechnet die Chinesen türken sich. Zum Beispiel die Eröffnungsfeier: alles gelogen! Eine gigantische Peking-Ente! Hübsche Playback-Mädchen mit perfekter Zahnstellung, gedrillte und getrimmte Cheerleaders, die eisern lächeln, bis die Sonne aufgeht. Überhaupt die ganze gleichgeschaltete Bilderbuch-Protzerei, Multipack-Menschen, degradiert zu lebenden Maschinen-Monstern. – Laura ist ein toleranter Mensch, und sie hätte das alles im Namen des Sports zwei Wochen lang über sich ergehen lassen, wäre das grossartige Auftaktfeuerwerk nicht als Fälschung entlarvt worden. Gechinte Pyro-Fussstapfen am Nachthimmel, über die Live-Bilder gelegte Computer-Animationen – das war zu viel für Laura. «Ich meine, überleg mal», sagte sie. «Live-Bilder, und du weißt nicht, ob sie echt sind oder nicht! – Auf diesen olympischen Geist kann ich verzichten. Klosterfrau auf die Flasche schreiben, und Johnnie Walker Red Label einfüllen. Das stinkt zum Himmel.»
Unsere gemeinsamen Olympischen Spiele waren also vorbei, bevor sie begonnen hatten. Dabei hätte ich mit Laura gern auch über gechinte Athleten diskutiert. Oder über staatlich verordnete Protestplätze, auf die sich keiner getraut. Immerhin: Während ich vor dem Fernseher sass, kümmerte sich Laura um unseren Herbsturlaub: Istanbul. Ich freu mich.



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