Beispiele der Sportförderung
„Ein Athlet muss auf seinen Körper hören“
Die Snowboarderin Daniela Meuli (27), Olympiasiegerin im Parallel-Riesenslalom von Turin 2006, Weltmeisterin 2005 und dreimalige Gesamtweltcup-Siegerin, hat sportlich alles erreicht, was sie erreichen konnte. Nach ihrem Rücktritt vor zwei Jahren hat die studierte Sportlehrerin, angehende diplomierte Trainerin und Studentin der Soziologie Seite gewechselt: Sie trainiert seither den Nachwuchs von Snowboard-Davos und das Mountainbike-Damen-Nationalkader – letzteres noch bis Ende 2008. Im Interview erzählt sie, wie sich Athleten vor Überforderung schützen können und wie eine optimale Förderung aussieht.
Das vierte Prinzip der Ethik-Charta besagt, dass eine optimale Förderung die Sportlerinnen und Sportler nicht überfordern und ihre Begeisterung am Sport nicht beeinträchtigen darf. Wie sind Sie als Sportlerin gefördert worden?
Ich hatte ein Riesenglück und von Anfang an ein super Umfeld. Ich hatte stets Sport gemacht – von Skifahren über Fussball bis hin zu Judo. Als ich mit 14 zum Snowboarden kam, hatte ich das Glück, dass in Davos gerade ein Nachwuchskader gegründet wurde. Ich erhielt dort die optimale Betreuung – der Trainer dieses Kaders begleitete mich bis zu meinem Olympiasieg. Gefördert wurde ich aber auch von meinen Teamkollegen: Wir haben uns gegenseitig gepusht und zu Bestleistungen angetrieben.
Inwieweit hat diese Förderung ihre sportliche Karriere beeinflusst?
Ein gutes Umfeld und eine gute Förderung sind auf dem Weg zum Erfolg entscheidend – alleine wird niemand Olympiasieger. Man ist immer auf sehr viele Leute angewiesen, die den harten Weg mit dir gehen – vor allem in Zeiten, in denen es nicht so gut läuft.
Gab es auch Momente, in denen Sie überfordert wurden?
Je weiter man kommt, gehört Überforderung – oder Herausforderung – in gewissem Masse zum Training. Man muss seine Grenzen ausreizen, wenn man an die Weltspitze kommen will. Und diese Grenzen lernt man erst kennen, wenn man sie im Training auch einmal überschreitet. Ich hatte aber das Glück, dass ich von meinen Trainern nie zu stark überfordert wurde. Sie erwischten immer den richtigen Level, um mich gut vorzubereiten ohne mich zu überfordern. Trotzdem gab es sicher Zeiten, in denen ich überfordert war. Etwa beim Übergang von den Junioren zur Elite, als ich plötzlich nicht mehr auf das Podest fuhr, sondern hart um jede Qualifikation kämpfen musste. Auch im Umgang mit den Medien war ich am Anfang überfordert – bis ich begriff, dass auch dies zum Sport gehört und dass man sich auch auf Interviews vorbereiten kann.
Wie könnte man die Sportler noch besser fördern?
Eine angemessene Förderung ist extrem individuell und erfordert deshalb extremes Fingerspitzengefühl des Trainers. Man muss jeden Athleten gut kennen und anders behandeln, damit man niemanden über- oder unterfordert – insbesondere wenn man im Team trainiert. Dieses Gespür muss man sich erarbeiten. Dies kann man nur durch Erfahrung und langjährige Arbeit als Trainer. Konstanz ist deshalb wichtig. Dies gilt jedoch auch für den Athleten: Auch sein Einsatz muss konstant sein. Eine bessere Förderung wäre auch finanziell möglich: Zwar hat sich im Bereich Nachwuchs viel getan, aber im Vergleich zu anderen Nationen fehlt uns der Staatssport. In diesem Bereich wäre noch vieles möglich in der Schweiz.
Wo beginnt die sportliche Überforderung?
Ein Zeichen von Übertraining ist, wenn der Athlet müde und unmotiviert ist, wenn er seine Leistungen nicht mehr erbringt oder sich zurückzieht. Auch hier gilt: Jeder reagiert anders auf Überforderung. Sie ist deshalb relativ schwierig festzustellen. Ausserdem kann Überforderung auch andere Gründe haben, es ist deshalb wichtig, auch das Umfeld anzuschauen.
Kann ein Sportler erkennen, wenn er überfordert ist, oder braucht er ein Umfeld, das ihn darauf hinweist?
Es ist mir ein grosses Anliegen als Trainerin, dass ein Athlet lernt, auf sich selber und auf seinen Körper zu hören und allenfalls seinen Trainingsplan abändert, falls er überfordert ist. Nicht die Trainerin soll ihm sagen müssen, wann er weniger trainieren soll, sondern er soll es selber merken. Der Nachwuchs braucht sicher mehr Unterstützung, aber je älter ein Athlet ist, desto besser sollte sein Gespür werden. Es gibt viele Athleten, die zu viel machen und sich selber überfordern. Als Trainerin muss ich ihnen beibringen, sich und die Trainingsanforderungen, die für den Erfolg nötig sind, besser einzuschätzen.