Beispiele der Sportförderung
9 Fragen beantwortet von Stefan Kobel
1. Sie haben in Ihrer Karriere etliche sportliche Höchstleistungen erbracht. Wie wurden Sie persönlich gefördert?
Als Kind wurde ich von meinen Eltern nie eingeschränkt oder zu etwas gezwungen. Sie ermöglichten mir, die Sportarten auszuüben, die mir Spass machten. Ich war in meiner Juniorenzeit nie in einem Auswahlkader wie der Nationalmannschaft und wurde nicht speziell gefördert. Als ich mit Patrick Heuscher zusammen den Schritt in den Profi-Beachvolleyballsport gewagt habe, wollten wir gefördert werden. Weil unsere Einstellung, der Einsatz und die Ergebnisse entsprechend passten, fanden wir auch Support, sowohl in sportlicher und finanzieller als auch in ideeller Hinsicht.
2. Welche Möglichkeiten gibt es heutzutage zur Förderung von Sportlern und wo liegen die Probleme dabei?
Wichtig ist generell, dass man die Sportler in ihrem Handeln bestätigt. Sie sollen spüren, dass der sportliche Weg, den sie gehen, der richtige ist. In der Schweiz werden die Sportler heute in vielen Sportarten intensiver und früher gefördert als noch zu meiner Zeit. Die Vorgaben für Trainingsumfang und -intensität sowie für die Trainingsinhalte in den Bereichen Taktik, Technik, Athletik bis hin zum Mentaltraining und der Regeneration sind weitgehend ausgearbeitet. Dabei darf jedoch der Mensch hinter dem Athleten, vor allem hinter dem jugendlichen, nicht vergessen werden. Die persönlichen Anliegen und Bedürfnisse eines Sportlers treten bei den vielen Trainingsvorgaben schnell in den Hintergrund, sie sind jedoch für eine optimale Förderung genauso wichtig wie das Training an sich.
3. Wann fängt die Überforderung überhaupt an? Gibt es Anzeichen dafür?
Die Grenze zur Überforderung ist nicht bei jedem Athleten gleich. Es gibt jedoch deutliche körperliche und emotionale Signale, die eine Überforderung sichtbar machen. Fehlen beim Training Spass, Freude und positive Emotionen oder ist die Körpersprache und der Gesichtsausdruck negativ, dann stimmt etwas nicht. Ob das direkt mit dem Training oder mit Problemen im Umfeld zu tun hat, ist in diesem Moment nebensächlich.
4. Kann man als Sportler eine Überforderung selber erkennen oder ist dies nur für Personen aus dem nahen Umfeld wie für Trainer oder Eltern möglich?
Ich denke, dass ein Sportler meist selber spürt, wenn etwas nicht stimmt. Es ist jedoch nicht einfach, sich im sportlichen Ehrgeiz die Probleme tatsächlich einzugestehen. Vor allem nahe Bezugspersonen wie Trainer und Eltern, die den Athleten jeden Tag beobachten können, sind gefordert. Für sie sind die Anzeichen leichter zu erkennen.
5. Was raten Sie einem Sportler und dem Umfeld, wenn Anzeichen einer Überforderung bestehen?
In diesem Moment ist es wichtig, zu handeln. Wenn das Umfeld grossen Aufwand betreibt, traut sich der Athlet manchmal kaum zu sagen, dass etwas zu viel für ihn ist. Sind die Anzeichen einer Überforderung da und der Athlet spricht nicht von sich aus darüber, sind die Trainer und Eltern verantwortlich, das Gespräch zu suchen. Und zwar nicht nur mit dem Athleten, sondern gemeinsam mit möglichst vielen Personen aus dem grossen Gebilde Training-Team-Umfeld-Ausbildung. Eine Überforderung und die damit verbundenen Probleme sind fast immer lösbar, wenn man sie rasch und richtig thematisiert. Darüber reden ist auf jeden Fall sehr wichtig.
6. Haben Sie in Ihrer Karriere jemals eine Form von Überforderung gespürt?
Ich hatte einmal einen Trainer aus dem ehemaligen Ostblock, der uns Spieler beispielsweise vor dem ganzen Team blossstellte oder uns in anderer Weise respektlos behandelte. Das sind Situationen, die für einen Sportler hart sein können. Ich war damals glücklicherweise stark genug, um es dem Trainer mit einer noch besseren Trainingsleistung heimzuzahlen – was wohl auch sein Ziel war. Doch die Gefahr besteht, dass ein Athlet in einer solchen Situation den Spass an der Sache und seine ganzen Ziele aus den Augen verliert. Im schlimmsten Fall hört er auf oder tritt dem Trainer gleichfalls respektlos entgegen. Beim Thema Überforderung ist Respekt das zentrale Thema. Ein Trainer muss natürlich immer mehr fordern und den Athleten an seinen Grenzbereich führen, damit das gesamte Potential ausgeschöpft werden kann. Die Trainingsmethoden und der Umgang zwischen Trainer und Sportler sollen jedoch respektvoll sein. Anstand im Training muss sein – immer und von allen Beteiligten!
7. Wie sind Sie mit kritischen Situationen umgegangen?
Mir war immer wichtig, über meine Probleme zu sprechen. Sie zu deponieren, wirkt befreiend. Es gibt keine Musterlösung, wie man mit Problemen umgehen soll, das ist bei jedem Menschen anders. Meiner Meinung nach hemmt es jedoch die Leistung, wenn man Probleme ständig in sich hineinfrisst. Im Gegensatz dazu sollte man auch nicht aus jeder Mücke einen Elefanten machen und Probleme als Ausrede benutzen, wenn es nicht gut läuft.
8. Kann man als Sportler lernen, mit Überforderung umzugehen?
Das ist schwierig. Wird ein Sportler über längere Zeit überfordert, meldet sich sein Körper. Wer in einer zu hohen Liga spielt und dauernd klar verliert, hat irgendwann keine Lust mehr. Der Kopf sagt «Stopp». Genauso ist es beim Training: Wer ständig Hanteln mit zu viel Gewicht stemmt, verletzt sich irgendwann. Man kann seine Grenzen kennen lernen und diese durch gezieltes Training nach oben schrauben. Wenn die Grenze zur Überforderung jedoch erreicht ist und man nicht reagiert, kann auch der beste Sportler keine guten Leistungen mehr zeigen.
9. Zum Schluss noch Ihr Rat an Sportler und ihr Umfeld, wie eine Überforderung vermieden werden kann?
Das Wichtigste ist sicher, auf seinen Körper zu hören und dessen Signale ernst zu nehmen. Das gilt genauso für Trainer und Eltern, die den Athleten beobachten. Wenn der Sportler zu sich selber und auch zu seinem Umfeld immer ehrlich ist, wird es auch kaum zu einer Überforderung kommen.
| Stefan Kobel, Jahrgang 1974, gewann an den Olympischen Spielen 2004 in Athen mit seinem Partner Patrick Heuscher die Bronzemedaille im Beachvolleyball. Im Sommer 2006 trat der Zürcher vom Profisport zurück und ist seither Top Talent Coach von Swiss Volley. |